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Sylt

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Das grüne Vergessen – unterwegs am Wattenmeer von Keitum nach Kampen

Von Uwe Junker

Keitum ist eines der schönsten Dörfer Nordfrieslands. Linden, Buchen, Kastanien, Fliederbüsche und Heckenrosen scheinen in einem Wettkampf um den üppigsten Wuchs zu stehen. Wo heute Sylt am grünsten ist, befand sich vor zweihundert Jahren ein baumloses Heidedorf. Doch seit dem 19. Jahrhundert, als der Lehrer Christian Peter Hansen sich für die Anpflanzung von Bäumen einsetzte, verging genug Zeit, um Keitum sein grünes Gesicht zu geben.

 Es ist still hier an diesem noch angenehm warmen Frühherbst-Morgen im Oktober. Die meisten Touristen tummeln sich irgendwo am Strand. So kann ich ungestört auf den verschlungenen Wegen wandeln, die den alten Ortskern durchziehen und von prächtigen Friesenhäusern Syltgesäumt werden. Diese stammen vorwiegend aus dem 18. Jahrhundert, einige sind noch älter. In der damaligen wirtschaftlichen Blütezeit Sylts lebte fast jede Familie von der Seefahrt. Die Männer waren als Handelsseefahrer auf allen Weltmeeren unterwegs, um mit Kostbarkeiten wie Gewürzen, Stoffen oder Tee nach Europa heimzukehren oder machten als Walfänger ein Vermögen. Da fast jeder Mann fern der Insel unterwegs war, bestimmten ihre Frauen die Geschicke des Dorfs und seiner Familien. Noch heute merkt den selbstbewussten Friesinnen Syltdiese frühe Emanzipation an. Man lebte gut damals. Davon zeugt das Museum „Altfriesisches Haus“, das Wohnhaus eines Walfängers mit Originalmobiliar aus dem Jahr 1793. Und man starb ehrenvoll: Auf dem Friedhof neben der mittelalterlichen Kirche St. Severin finden Syltsich würdevolle Grabsteine der damaligen Kapitäne und ihrer Ehefrauen. Auch charismatische Persönlichkeiten unserer Zeit wie beispielsweise der Verleger Peter Suhrkamp und der Journalist Rudolf Augstein fanden in dieser nordischen Stille ihre letzte Ruhe.Sylt Keitum und seine Umgebung haben etwas Mystisches, Stilles, der Welt Entrücktes. Ich spüre es vollends, als ich den Pfad vom altfriesischen Haus hinunter nehme, um am Wattenmeer Syltentlang über Munkmarsch  nach Kampen zu wandern: Stille, nur manchmal unterbrochen von Möwengeschrei, sich im Wind sanft wiegende Schilfgräser, Reiher, die lautlos durchs Watt stolzieren,  blau-klarer Himmel mit ein paar Wolkentupfern, hier und da würziger Heideduft. Ich spüre mit jedem Schritt, wie sich mehr und mehr eine friedliche Ruhe meiner bemächtigt. DieSylt kleinen und großen Sorgen des Alltags, aller Unfrieden unserer Welt scheinen von der stillen, grünen Weite absorbiert zu werden. „Wie herrlich tief sich hier atmen lässt – es ist so, als würden alle Weltschmerzschlacken restlos ausgeräumt. (…) Es ist so eigenartig, dass alles, was man an ´Sorgen´zu haben glaubt, hier einfach zu einem Nichts zusammen schmilzt. Also – Syltich strahle aus allen Poren Lebensfreude“, schrieb der Maler Kurt-Claude Lambert 1955 an seine zukünftige Ehefrau. Auch der Schriftsteller Max Frisch liebte diese Wanderung sehr und gab ihr den Namen „Das grüne Vergessen“. Wie Recht sie beide doch haben!            

    

Weitere Informationen:                                          

Sylter Heimatmuseum in Keitum am Kliff:

Inselgeschichte von den Anfängen bis in das 20. Jahrhundert, noch bis Ende Oktober 2016 Gemäldeausstellung des 1967 verstorbenen und der Insel Sylt sehr verbundenen Hamburger Malers Kurt-Claude Lambert

Alfriesisches Haus in Keitum am Kliff:

Sylter Lebens-und Wohnkultur des 18. & 19. Jahrhunderts

Öffnungszeiten beider Museen:

Ostern bis Oktober: Montag bis Freitag: 10 – 17 Uhr, Samstag, Sonn- und Feiertag: 11 – 17 Uhr

Homepage: www.soelring-foriining.de

Historischer Ortskern: Nördlich des Gurtstigs, zwischen Erich-Johannsen-Wai und Mühlenweg liegen die meisten alten Friesenhäuser, viele älter als 200 Jahre.

Kirche St. Severin: größtes mittelalterliches Bauwerk der Insel, Chor und Apsis aus dem frühen 13. Jahrhundert, Taufstein aus dem 11. / 12.Jahrhundert. Schmuckstücke sind der gotische Flügelaltar und die Renaissancekanzel.

Wanderweg „Grünes Kliff“: Direkte Zugänge von den beiden o. g. Museen, der Weg kann sowohl in südlicher Richtung bis Morsum, als auch in nördlicher bis Kampen zurückgelegt werden. 

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