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Rheingau

Rheingau: Altweibersommer am „Freistaat Flaschenhals“ 

Rheingau

Romantische Städtchen schmiegen sich im Rheingau an Weinberge. Über waldbedeckten Hügeln wachen trutzige Burgen 

Von Gerd Krauskopf

 Es muss am Licht und am blauen Himmel des Altweibersommers liegen. Jetzt, im Herbst, wo die Nächte schon kalt und die warmen Tage noch nicht ganz vorüber sind, zieht es die Menschen hier in Hessen an den Mittelrhein, eine Kulturlandschaft der UNESCO von großer Vielfalt und Schönheit. So wie eine handvoll Gäste, die von Susanne Röntgen-Müsel geführt, eine kleine Wanderung hier in den Weinbergen hoch über Lorch machen. Während tief unten der Rhein silbern blinkt, ziehen dort beladene Lasten- und gut besuchte Flusskreuzfahrtschiffe flussauf- und flussabwärts.

RheingauWährend der „Goldene Herbst“ jetzt das einst saftige Grün der Blätter in ein prasselndes Laub-Feuer von Gelb, Orange und Rot verwandelt hat, ist die Gruppe stehen geblieben und lauscht  Susanne Röntgen-Müsel, Hotelchefin vom Hotel im Schulhaus. Und die gibt das Kuriosum mit dem „Freistaat Flaschenhals“ preis. „Der Freistaat Flaschenhals entstand durch einen geografischen Fehler nach dem ersten Weltkrieg,“ sagt sie mit leuchtenden Augen. „Es wurden zwei gegenüberliegende Kreise von den amerikanischen und französischen Besatzungstruppen gebildet. Diese wurden jedoch nicht überlappt. Und so entstand ein Zwischenraum, der einem Flaschenhals ähnlich sah. Der Landstrich Lorch im Wispertal wurde dabei übersehen. Was zur Folge hatte, dass die Bewohner durch die beiden Grenzen wirtschaftlich in Schwierigkeiten kamen. Sie durften die angrenzenden Besatzungszonen nicht betreten. Und so druckte man sich im neuen Freistaat zur Belustigung aller das eigene Geld, das tatsächlich im nahen Örtchen Kaub und in vielen weiteren Ortschaften im Rheingau als Zahlungsmittel anerkannt wurde.“ Im Jahre 1923 machte man dem Spuk in diesem malerischen Landstrich dann ein Ende. Für die Gruppe geht an diesem späten Nachmittag die Wanderung mit einem kleinen improvisierten Weinumtrunk inmitten eines Weinberges zu Ende.

RheingauDer nächste Morgen beschert wieder einen dieser stahlblauen Himmel. Mit der Seilbahn geht’s vom nahegelegenen Ort Assmannshausen hoch hinauf mit kurzem Spaziergang zum Jagdschloss Niederwald, in dem Konrad Adenauer 1948 mit den damaligen 11 Länderchefs das heutige Grundgesetz erstellte. Es geht weiter durch den Landschaftspark Niederwald, wo nach kurzem Spaziergang eine Zauberhöhle besichtigt wird. Wie angewurzelt bleibt die kleine Gruppe ein paar hundert Meter weiter am Aussichtspunkt „Rittersaal“ stehen. Die grandiose Aussicht auf das Rheintal mit der Zollburg Rheinstein gegenüber von Assmannshausen genießen alle.

RheingauHier bekommen sie einen kleinen Eindruck von den 40 Burgen, deren Burgherren in früheren Zeiten an 65 Stromkilometern zwischen Rüdesheim und Koblenz den mit Pferden oder Menschen ziehenden Treidelbooten den Wegzoll entnommen haben. Bevor später jedoch das Niederwalddenkmal erreicht wird, gibt es noch einen weiteren Aussichtspunkt „Rossel“, der genau über dem Binger Mäuseturm thront.

Der Stopp am Niederwalddenkmal oberhalb von Rüdesheim ist nur kurz. Jetzt „schwebt“ die Gruppe mit der Seilbahn über die Weinberge hinunter und erlebt einen herrlichen Panoramablick auf die Rüdesheimer Altstadt und den Rhein mit seinen grünen Inseln. Beim Spaziergang durch die Drosselgasse kommt Begeisterung auf, da sich die früher verschriene „Saufmeile“ mit Kneipen und Restaurants heute mit gesittetem Publikum gemausert hat.Rheingau

Neu ist die "RheinWeinWelt" am Bahnhof. Dort fließt in der Vinothek jetzt Wein statt Weinbrand ins Glas. Im historischen Asbach-Gelände laden 76 Weingüter mit jeweils zwei Weinen von Niederstein bis Königswinter zum Verkosten ein. Das geschieht hier auf ungewöhnliche Weise und wird zum physischen Erlebnis, das seinesgleichen sucht in Deutschland. So fließen aus den ehemaligen, mit opak schillernden Originalglasfliesen ausgekleideten historischen Weintanks aus Asbach-Zeiten speziell gekühlter oder angewärmter Wein, der wie in einem Spielkasino mit Jetons angefordert werden kann.

„Cuba villula“ wie Kaub im Jahr 983 laut einer Schenkungsurkunde einst geheißen hat, liegt nur sechs Kilometer rheinabwärts von Lorch in Rheinland-Pfalz. Unübersehbar mit der Zollburg Pfalzgrafenstein, die auf einer schmalen Insel mitten im Rhein wie ein stolzes Schiff ankert und Rheingaualle Blicke Vorbeikommender auf sich zieht. Genau wie die Burg Gutenfels oberhalb der Weinberge auf einem Felssporn. Anfang des 16. Jahrhunderts hielt sie im Landshuter Erbfolgekrieg einer über fünfwöchigen Belagerung stand, wobei ihr 900 verschossene Steinkugeln und 830 gusseiserne Kugeln nichts anhaben konnten. Einige dieser steingehauenen mächtigen Kugeln sind noch in einem kleinen Verlies zu sehen. Außerdem gibt das Blüchermuseum einiges über Feldmarschall Blücher preis, der mit seinen Truppen Anfang des 19. Jahrhunderts die Stadt rettete. Heute wirbt die Stadt mit seinem Namen.

RheingauDurch die Landwirtschaft haben Mensch und Umwelt hier im Rheingau eine besondere Beziehung aufgebaut, die zu einem vielfältigen Ökosystem aus gepflegten Landschaften und mächtigen, zum Teil steilen Weinbergen besteht. Eine kleine Auswahl dieser heimischen Weine verkostet die kleine Gruppe bei knisterndem Feuer in einer kleinen Stahlschale vor ihrem Hotel im Schulhaus. Genau so rot wie das Feuer ist auch der Sonnenball, der sich fulminant verabschiedet. Hier, an diesem Abend des Altweibersommers am romantischen Rhein, ist der „Freistaat Flaschenhals“ immer noch Gesprächsthema.

Weitere Informationen:

Hotel im Schulhaus, Schwalbacher Str.41, 65391 Lorch im Rheingau, Tel. 06726/807160, www.hotel-im-schulhaus.comRheingau

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