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Bayreuth

Zwischen Maserati

und

fränkischer Bratwurst

- Bayreuth für alle.

Vorschau

Das Bayreuther Festspielhaus

Wie immer seit neun Jahren: Post vom Bayreuther Festspielhügel. Das Erstaunen und die Freude sind  groß, diesmal ist es nicht die übliche Absage mit dem Bestellformular für die nächste Spielzeit, sondern eine Zusage für die „Meistersinger“ am 2. August 2010. 

 

 

Die Opernkarten

Wer, wie wir, die Natur liebt und die „Festspielpreise“ der Bayreuther Hotels nicht besonders mag, sucht sich eine Übernachtungsalternative zur Stadt. Wir haben sie in dem familiär geführten „Landhaus Preißinger“ in Warmensteinach, herrlich ruhig im Fichtelgebirge mit einem schönen Weitblick auf den Ochsenkopf gelegen, gefunden. In gut zwanzig Minuten war ist in der Stadt.

Im Gegensatz zur Festspielstadt Salzburg mit ihren jährlich rund 1,8 Millionen Übernachtungsgästen, geht es im oberfränkischen Bayreuth auch während der fünfwöchigen Spielzeit angenehm ruhig zu.  

Den Besucher beeindrucken vor allem die repräsentativen Bauten aus dem Rokoko: das Neue Schloss mit dem weitläufigen Hofgarten, die Friedrichstraße mit ihren einheitlich gestalteten Sandsteinbauten, die Eremitage vor den Toren der Stadt und vor allem das Markgräfliche Opernhaus.

Das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth 

Richard Wagner hatte ursprünglich vor, das prächtig ausgestattete Logentheater als Spielstätte für seine geplanten Opernfestspiele zu nutzen. Schnell wurde ihm klar, dass seine Vorstellungen für eine Bühne ausschließlich seiner Werke hier nicht zu realisieren war.  

Er wollte ein schmuckloses Haus mit einem als Amphitheater angelegten Zuschauerraum und einem verdeckten Orchestergraben. Wagner hat seine Ideen auf dem Grünen Hügel verwirklicht. Der holzverkleidete Innenraum ohne Seitenlogen bietet seit der Eröffnung im Jahre 1876 fast 2000 Zuschauern Platz. Durch die überragende Akustik und den hölzernen Schalldeckel ergibt sich der einmalige „Bayreuther Mischklang“, der sich im gesamten Raum gleichmäßig verteilt. Da die Musiker nicht sichtbar sind, wird in der oftmals drückenden Augusthitze auch schon mal in kurzen Hosen musiziert. Der Dirigent zieht zum Schlussapplaus nur mal kurz den Frack an. 

Der rote Teppich mitsamt der Kanzlerin, einer großen Wagner-Liebhaberin,  und den übrigen Vip´s sind zwischenzeitlich verschwunden. Der Tross reiste wohl nach Salzburg weiter – Anna Netrebko wartete ja bereits.  

Die Richard-Wagner-Festspiele sind doch etwas Besonderes. Wir erlebten es schon gut zwei Stunden vor Beginn der Aufführung. Die in der Stadt logierenden Gäste schlendern bei hochsommerlichen Temperaturen in Smoking und elegantem Abendkleid  den Hügel hinauf. Oder, und das ist wirklich einmalig, man wechselt die Garderobe einfach auf dem Parkplatz. Das zahlende Publikum vermischt sich am Festspielhaus mit den Zaungästen, die den röhrend vorfahrenden Maserati scheinbar genauso interessant finden wie die anwesenden Prominenten.

 

Das Festspielhaus mit Publikum

Fünfzehn Minuten vor Beginn der Aufführung ertönt vom Balkon die dreimal Fanfare mit einem Motiv aus den Meistersingern..  

Die Fanfaren vor dem Aktbeginn

Die glücklichen Kartenbesitzer nehmen auf den schmalen Sitzen Platz. Armlehnen und Polster fehlen. Das nun beginnende fünfstündige kollektive körperliche Leiden nimmt seinen Anfang. Wohl dem, der an ein Sitzkissen gedacht hat und einen schlanken Sitznachbarn hat. Ich habe Glück: die elegante ältere Dame zu meiner Rechten lässt mir genug Raum zum Atmen. Das soll aber nicht den ganzen Abend so bleiben. Nach der zweiten Pause nimmt den Platz ein Bayreuther Bürger in Jeans ein, der die Karte von der Dame, der die bisherigen zwei Akte wohl nicht zugesagt haben, geschenkt bekommt.  

Der Saal verdunkelt sich vollkommen, es herrscht absolute Stille, als das Vorspiel in donnerndem C-Dur einsetzt und einen musikalisch überzeugendes und inszenatorisch fragwürdiges Opernerlebnis einleitet. Um es vorwegzunehmen – Katharina Wagner hat sich von ihrem Urgroßvater mit ihrem Hügel Debüt weitest möglichst entfernt: keine Katharinenkirche, keine Schusterstube und keine Festwiese. Die simple Butzenscheibennostalgie von Vater Wolfang muss es heute ja wirklich nicht mehr sein, aber  nur textferne Provokation als intellektuelles Verwirrspiel ist auch keine gelungene Interpretation der wagnerschen Grundidee, die archaischen mittelalterlichen Traditionen der Nürnberger Meistersingergesellschaft mit Walther von Stolzings neuer Gesangskunst zu verschränken. 

Stolzing, von Klaus Florian Vogt mit seiner lyrisch-hellen, kräftigen Tenorstimme wunderbar interpretiert und nach dem Schlussvorhang mit viel Applaus bedacht, wandelt sich im Laufe der Inszenierung vom hyperaktiven Dreadlock-Hippie zum angepassten, korrumpierten Anzugträger, der zum Schluss sowohl den goldenen Preishirsch als auch den überdimensionierten Scheck ablehnt. Wieso Walther von Stolzing statt als Musiker eher als mit seinem weißen Farbeimer alles beklecksender Maler inszeniert wird, hat sich mir nicht erschlossen.

Als Gegenentwurf tritt Sixtus Beckmesser auf, der sich, zunächst pedantischer Oberbürokrat, seltsamerweise zum T-Shirt (Beck in town!) tragenden avantgardistischen Außenseiter verwandelt. Der jugendlich wirkende  Bariton Adrian Eröd singt kraftvoll und gut verständlich – er wird zu Recht vom Publikum gefeiert.

Auch der Brite James Rutherfort erobert mit seiner weichen Baritonstimme das kritische Bayreuther Publikum. Leicht hat er es als Hans Sachs bei Katharina Wagner nicht, der als singender Schustermeister zunächst barfuß, rauchend und auf einer Schreibmaschine klimpernd, auftritt. Später, im langen dritten Aufzug, wird er zunächst in seiner schönen neuen Designerwelt von absurd karnevalesken Schwellköpfen, die deutsche Geistesgrößen, einschließlich Wagner selbst, darstellen, gefangen und orgiastisch umtanzt. In seiner Schlussansprache mit dem Lob auf die Meister lässt die Regisseurin Hans Sachs als faschistoid agierenden Parteitagsredner agieren.  

Was bleibt von einer denkwürdigen Vorstellung außer der mit heftigen Buh- und wenigen Bravorufen bedachten Inszenierung? Bei geschlossenen Augen, vor allem im dritten Aufzug, ein musikalischer Genuss. Neben dem engagiert spielenden Festspielorchester unter Sebastian Weigle und den Gesangsprotagonisten brilliert der grandiose Chor, der leider zu häufig nur aus der Off zu hören ist.  

Es ist schon ein besonderes Erlebnis auf dem Grünen Hügel – die elegante, aber nie elitär wirkende Atmosphäre, das sachkundige Publikum zwischen zwölf und neunzig Jahren und die traditionelle Pausenbratwurst, als Alternative zum Steigenberger Gourmet-Angebot im Restaurant, ist lecker; wie wohl immer, verköstigen sich nicht Wenige während der einstündigen Pausen mit einem selbstmitgebrachtem Imbiss auf dem Parkplatz. So ist es eben in Bayreuth. 

Rainer Schwirtzek

 

Infos:

www.bayreuther-festspiele.de

 

 

Literaturtipps:

Martin Gregor Dellin:  Richard Wagner, Piper

Joachim Köhler:  Der letzte der Titanen, Claassen

Brigitte Hamann:  Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth, Piper

Jonathan Carr:  Der Wagner Clan, Hoffmann und Campe

Oliver Hilmes:  Herrin des Hügels. Das Leben der Cosima Wagner, Siedler

Oliver Hilmes:  Cosimas Kinder, Siedler

 

 

 

 

 

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