Menschen, Reisen, Abenteuer Headgrafik

Cilento

 

Süditalien: Der Cilento ist ein noch wenig bekanntes, attraktives Reiseziel

Cilento

 Sanfte Hügel mit tiefen Schluchten, faszinierende historische Bergdörfer, Bootsausflüge im Meeresnaturpark: Die Region ist ein ideales Urlaubsziel für Sport- und Naturliebhaber und Genießer mediterraner Küche

Von Gerd Krauskopf 

 Antonio Palmieri zeigt seinen Gästen in Paestum stolz die riesige zertifizierte Bio-Wellnessfarm seiner sechshundert Büffel. Die werden morgens um fünf Uhr mit konzertanter Musik auf ihren Gummimatten geweckt, duschen und lassen sich von Massagebürsten verwöhnen. Und wenn es der Biorhythmus verlangt, trotten sie zur vollautomatischen Melkmaschine und lassen sich erleichtern. Und das alles ohne menschlichen Zugriff. Nur der Büffelmozzarella muss noch von Menschenhand jeden Morgen hergestellt werden und wird dann gleich am Hof verkauft.Cilento

Dabei ist dieser Teil der süditalienischen Region Kampanien in der Provinz Salerno erst im 20. Jahrhundert trocken gelegt und somit von Moskitos befreit worden. Nur eine knappe Autostunde von Paestum – dem nördlichen Tor des Nationalparks Cilento - entfernt beginnen die mächtigen Hügel und hohen Berge mit tiefen Schluchten, mittelalterlichen Dörfern, hübschen Sandstränden und verschwiegenen Badebuchten. Geadelt ist diese abwechslungsreiche und noch wenig bekannte Kulturlandschaft 1998 mit der Aufnahme ins UNESCO-Welterbe.

CilentoAuf einem der ersten Berge, die erreicht werden, heißt es, dass im Zweiten Weltkrieg ein amerikanischer Bomberpilot den Auftrag hatte, das heute verlassene Bergdorf San Severino - hoch über dem Ausgang der Mingardo-Schlucht wie ein Adlerhorst klebend - mit einer Bombe dem Erdboden gleich zu machen. Und da er seine Kindheit dort verbracht hatte und seine Eltern zu dieser Zeit dort noch lebten, warf er den Tod bringenden Sprengsatz weit entfernt von seinem Geburtsort ab.

CilentoWir fahren ein paar Hügel weiter ins südliche Cilento nach "Caselle in Pittari". Dort verschwindet der Bussentofluss nahe einer malerisch uralten Handelsrouten-Brücke, der "Capelli di Venere", für gut sieben Kilometer auf unerklärlicherweise in der Erde. Im WWF Schutzgebiet bei Morigerati taucht er dann in der gewaltig tiefen Bussento-Schlucht urplötzlich wieder auf. Nach Cilentodem Besuch des engen Canyon erfreuen sich unsere Geschmacksnerven in Morigerati in der modernen, blitzblank polierten Ölmühle Marsicani an feinstem Olivenöl und den weißen Feigen der Azienda Agricola Murikè.

Die Urlaubszeit verrinnt wie im Flug und so stehen wir dann im 300 Meter hoch über dem Küstenort Marina di Camerota gelegenen mittelalterlichen Mutterort der Marina. Lange haben Cilentodie Bewohner des Cilento ihre Küste gemieden, ihre Dörfer vor allem auf mächtigen Hügeln im Landesinneren gebaut. Zu gefährlich war ihnen ihr hundert Kilometer langer Küstenabschnitt, über den Piraten und fremde Mächte lange kamen. Noch heute zeugen Wehrtürme auf gegenseitige Sicht an der Küste aus dieser Zeit. Und in diesem abgeschiedenen Bergdörfchen CilentoCamerota  – in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint – sitzen an diesem sonnigen Spätnachmittag auf der Piazza Vitt. Emanuels III. die alten Bewohner Luigi, Giuseppina und Vincenca und halten ein Schwätzchen. Noch heute sprechen viele Bewohner – wie hier gerade die Dreiergruppe – einen Dialekt, den selbst Italiener nicht verstehen. Wir bekommen von Stadtführer Arnaldo D' Alessio übersetzt, dass sie ratlos sind, dass bald alle Jugendlichen nach Deutschland und England abgewandert sind. Mit ihren gut siebzig Jahren gehören sie noch nicht zu den Alten, denn die werden wie viele hier im Cilento über 100 Jahre alt. Mit dazu bei trägt auch wesentlich die ausgewogene "Dieta Mediterranea", die Mittelmeer-Diät der cilentanischen Küche mit vorwiegend frischen Zutaten wie Fisch, bestem Olivenöl, saisonalem Gemüse und Obst. In einer der engen, verwinkelten Gassen von Camerota treffen wir die Cilentorüstige 84-jährige Annunziata, die gerade vom Nachmittagsspaziergang kommt. Sie ist mit ihrem Mann Luigi - wie viele hier im Cilento - 1964 der Armut wegen nach Venezuela ausgewandert. Dort haben sie viel Geld verdient und alles in ihr Bergdorf geschickt. Damit konnten sie sich hier ein stattliches Haus leisten. Nachdem in Venezuela die Wirtschaft schwächelte, gingen sie zurück.

Ein paar Sonnentage später schippern wir mit Capitano Marco – dem Sonne und Meer Furchen im Gesicht hinterlassen haben – mit einem kleinen Boot der Cooperativa Cilento Mare an den Cilentovielen kleinen Buchten der Küste des Meeresnaturparks Infreschi, der "area marina protetta costa degli infreschi e della masseta", vorbei. Dabei gehört dieser Teil des Tyrrhenischen Meeres bei Marina di Camerota zum geschützten Meeresnaturpark Infreschi mit hohen Auflagen für Boote und Fischer.

Während oberhalb der zerfaserten Steilküste Eichen und knorrige Olivenbäume aus dem maurischen Zeitalter wachsen, hat unten die Wassergewalt kapitale Felstürme wie den Faraglione di Monte di Lura im kristallklaren, türkisblaugrünen Wasser stehen lassen und CilentoGrotten mit Stalaktiten geschaffen. In diesem grandiosen Kunstwerk der Natur versteckten sich Piraten und später lagerten Fischer ihre Fänge dort im kühlen Inneren. Dann geht es vorbei an kleinen verschwiegenen Badebuchten. Eine von ihnen, die Cala Bianca, wurde 2015 als Cilentoschönste Badebucht Italiens prämiert. Für uns heißt es in der kleinen Baia degli Infreschi - auch Cilentoso eine kleine verschwiegene Bucht - die Schuhe ausziehen und vom Boot aus über eine Leiter durchs flache Wasser an Land zu gehen. Neben unserem jungen Hotelbesitzer Andrea Claudio Bifulco, der uns sein Cilento zeigt, ist sein Freund Luca Cella dabei. Ein braun gebrannt sportlich durchtrainierter schlanker Fischer mit kahlem Schädel aus Marina di Camerota. Der zeigt uns das Symbol des Nationalparks Cilento, die endemische Primel von Palinuro, „Primula palinuri Petagna“. Sie – an der wir achtlos vorbei gegangen wären – steht auf der Roten Liste gefährdeter und geschützter Pflanzen.

Und dann schließt sich eine wunderschöne Küstenwanderung in einer urwüchsigen Hügellandschaft an, auf der wir hier auf diesem ehemaligen Hirtenpfad in diesem 180.000 Hektar umfassenden Nationalpark Fauna und Flora genießen und dabei keine Menschen antreffen. Nur hören wir hin und wieder von weitem CilentoBrunftrufe, die wir verwilderten Ziegenböcken zuordnen. Über unseren Köpfen lassen sich Vögel von der Thermik in die Höhe schrauben. Ab und an bleiben wir stehen und nehmen uns Zeit für einen Blick über das weit unter uns silbern glitzernde Tyrrhenische Meer. Auch bahnen wir uns unseren Weg durch von Gewitterstürmen zerfurchten Hohlwegen und einem Gerölllabyrinth. Dabei ist Luca auf einem schmalen, steil abfallenden Geröll-Hohlweg einer trittunsicheren Begleiterin behilflich. Wie Luca rückwärts absteigt und seinem Schützling beide Hände entgegenstreckt, sieht es für die anderen Teilnehmer so aus, als wollten sie ein Tänzchen wagen.

Nach eineinhalb Stunden endet unsere Wanderung in der Pozallo-Bucht mit einem leckerem Mittagessen in der Strandbar von Antonietta Marchese mit von ihr raffiniert zubereiteten Cilentoverschiedenen Sardellenkreationen. In der dritten Generation betreibt sie mit ihrer Familie vom Frühling bis zum Herbst diese abgelegene Restauration. Die frisch gefangenen Sardellen bekommt sie von Fischer Luca. Der fährt mit den Fischern Mario und Sohn Luigi mit seinem kleinen Fischerboot bei spiegelglattem Meer nahe an die Felsenküste und setzt dort zehn CilentoMinuten nach Sonnenuntergang sein Menaica-Netz. Wo sich genau der Sardellenschwarm befindet, hat Luca im Gefühl. Dabei fischt er wie nur noch ganz wenige seiner Zunft nachhaltig nach alter Menaica-Tradition mit Netzen, die so geknüpft sind, dass junge Sardellen durch die Maschen schwimmen können. "Diese Art der Fischerei", sagt Luca mit strahlenden Augen, "hat das Slow Food EU-Qualitätssiegel bekommen." Nach nur kurzer Zeit ziehen sie das Netz wieder aus dem Meer und mit flinken Händen werden in mühevoller Arbeit die kleinen Sardellen geerntet. Dabei sind die Fische aus der Familie der Heringsarten mit ihren Köpfen im Netz hängen geblieben und sofort tot. Noch im Wasser bluten sie aus. Luca nimmt auch gerne Gäste mit auf seinem Boot und zeigt Ihnen stolz seine schonende Art des Fischens. In seinem Fischverarbeitungsbetrieb "Aura-Cilento" in Palinuro machen sich dann fleißige Hände daran, die Sardellen zu konservieren.

CilentoAuch Köchin Anna Maria Bove in unserem Hotel Calanca in Marina di Camerota weiß die Sardellen zu schätzen. Sie sind Teil der Zutaten ihres Kochkurses, den sie mit ihren Gästen zwei Mal im Frühjahr und Herbst durchführt. Dabei präsentiert sie auf charmante Weise ihre "Cucina Cilentana" mit lokalen, saisonalen Zutaten. Und dann heißt es für uns kochwütige Gäste: Ran an die Pasta.

Weitere Informationen:

Der nächste Flughafen ist Neapel. Er wird von vielen deutschen Flughäfen angeflogen. Von dort am besten mit einem Leihwagen 250 Kilometer nach Marina di Camerota im Cilento.

Unterkunft: Ferienwohnungen und -häuser bietet Cilentano, Ludwig-Eckert-Straße 10, D-93049 Regensburg, Tel. 0941/5676460, www.cilento-ferien.de

Hotelempfehlung: Hotel Calanca, Via Luigi Mazzeo 18, 84059 Marina di Camerota, Tel. 0039/0974932128, www.hotelcalanca.com ab 40 Euro p.P. und Tag im DZ mit Frühstück, mit HP ab 50 Euro p.P. und Tag. Die Kochkurse im Hotel Calanca finden zwei mal im Frühling (www.cilento-ferien.de/erlebnisreisen/kochkurs-im-fruehjahr/ und zwei mal im Herbst (www.cilento-ferien.de/erlebnisreisen/kochkurs-im-herbst/) statt;

Büffelfarm "Tenuta Vannulo" in Paestum, Via Galileo Galilei, 84047 Capaccio Paestum, Tel. 0039/0828727894, www.vannulo.it; Sardellenfischfang mit Luca Cella, 84051 Palinuro, Tel. 0039/0974273451, www.aura-Cilento.com;

Bootsausflug zum Meeresnaturpark Infreschi (zwischen Marina di Camerota und Scario), pro Person 12 Euro;

Besuch der Azienda Agricola und mehrfach ausgezeichneten Ölmühle Marsicani mit Verkostung des Olio extravergine d' Oliva, Contrada Croceviale, 84030 Morigerati, Tel. 0039/3382906364, www.marsicani.com;

Besuch der Azienda Agricola und des Agriturismo Murikè, Verkostung der Fichi Bianchi del Cilento (weiße Feigen), 84030 Sicilì- Morigerati, Tel. 0039/3471767700; WWF Schutzgebiet bei Morigerati und Spaziergang zur Bussento-Schlucht, Piazza Piano della Porta 17, 84030 Morigerati, Tel. 0039/3336959991

Restaurantempfehlungen:

Taverna Marinara Ammor 'e Mare, Centro Storico in Marina di Camerota, Tel. 0039/0974932959, www.ammoremare.it;

Restaurant Antica Trattoria da Valentone, Piazza San Domenico 4, Marina di Camerota, Tel. 0039/0974932004;

Restaurant Cantina del Marchese, Via del Marchese 13, Marina di Camerota. Tel. 0039/0974932570

Cilento

Powered by: AOS - Design in Eislingen - Homepages vom Fachmann
Menschen, Reisen, Abenteuer