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Carezza

Ökologisch-nachhaltig?

Das Skigebiet Carezza auf dem Weg zur Klimaneutralität

Carezza

Hotels, Lifte, Schneekanonen und viel Verkehr - der Skizirkus hinterlässt jedes Jahr einen riesigen Klima-Fußabdruck in den Alpen. Dass es auch anders gehen kann, beweist Carezza in den Dolomiten

Von Marco Wehr

 "Spätestens 2022 sind wir komplett klimaneutral", sagt Florian Eisath. Der Geschäftsführer von Carezza Dolomites verfolgt ehrgeizige Ziele für sein Skigebiet. 40 Pistenkilometer und 13 Liftanlagen - verglichen mit anderen Skiarenen in den Alpen geht es im Schatten des CarezzaRosengarten-Massivs familiär und beschaulich zu. Trotzdem bleibt auch Carezza (Karersee) von negativen Begleiterscheinungen des Wintertourismus wie hohem Ressourcenverbrauch und Verkehrsproblemen nicht verschont. Um dagegen zu steuern, ist Carezza als erstes privat geführtes Skigebiet überhaupt im vergangenen Jahr dem Klimaneutralitätsbündnis 2025 beigetreten. 

Aber schon länger ist im oberen Eggental eine große Sensibilität für das Thema vorhanden. Seit 2011 ist das Skigebiet zusammen mit dem Schweizer Partner-Gebiet Arosa Teil des Projektes Alpine Klimaskigebiete. "Was heute jeder weiß, haben wir damals schon erkannt. Wir müssen die natürliche Schönheit unserer Heimat erhalten, damit auch zukünftige Generationen noch etwas davon haben. Darum gehen wir jetzt den nächsten Schritt", erklärt Eisath. Dabei könne Carezza schon einiges auf der Habenseite vorweisen, sagt der frühere italienische Meister im Riesenslalom. "Wir haben bereits bis zu 30 Prozent Treibstoff bei der Pistenpräparierung und rund 25 Prozent an Strom für die Beschneiungsanlagen eingespart."

Dass der Klimawandel längst schon in Südtirol angekommen ist, bekam die Region im Herbst 2018 zu spüren. Als am Morgen des 30. Oktober 2018 die Sonne aufging und das gruselige Krachen der umstürzenden Bäume verstummte, waren Teile der Landschaft rund um den Karersee nicht mehr wiederzuerkennen. Orkan Vaia hatte gut 500 Hektar Wald im Eggental abgeräumt und ganze Hänge komplett verwüstet. Davon wurde auch der kleine Dolomitensee Carezzanicht verschont, der ohne die Bäume des Latemarwaldes im Hintergrund viel von seinem Panoramazauber einbüßen musste. Tagelanger Starkregen ging dem Jahrhundertsturm voraus. Lärchen, Zirben und Fichten waren abgeknickt wie Zahnstocher oder gleich komplett entwurzelt worden. Die Aufräumarbeiten dauerten ein ganzes Jahr. "Aber gerade dieses extreme Wetterereignis hat uns bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind und noch klimafreundlicher werden müssen", ist Eisath überzeugt.

 

Bisher setzen nur wenige der rund 1300 Skigebiete in den Alpen auf mehr Nachhaltigkeit und kaum eines ist dabei so konsequent wie Carezza. Viele erkauften sich das Label "klimaneutral", indem sie nur Beträge für die Kompensation ihres Energieverbrauchs bereitstellten, ohne wirklich das eigene Verhalten zu ändern, meint Eisath. Er hält das für bloßes "Green Washing". Carezza setze hingegen seinen Fokus mindestens genauso stark auf Einsparungen beim Energieverbrauch und Effizienzsteigerungen. "Dazu muss man immer wieder jede Unternehmensentscheidung analysieren." Das eigene Verhalten zu ändern sei oft mühsam und Carezzakoste viel Gehirnschmalz, erzählt der frühere Weltcup-Fahrer, aber am Ende lohne sich Nachhaltigkeit immer. Ein zentrales Thema ist dabei der Einsatz von Schneekanonen, den Klimaschützer besonders problematisch sehen. Bei der Beschneiung konnten in Carezza bisher rund ein Viertel an Energie durch intelligente elektronische Steuerung eingespart werden, Tendenz weiter fallend. Dafür werden in der ersten Frostperiode vor Beginn der Saison innerhalb weniger Tage die Hänge komplett beschneit. "Je niedriger die Außentemperatur, desto größere Schneemengen können die Maschinen bei konstantem Energieverbrauch produzieren", erzählt Eisath. Damit komme man dann größtenteils die ganze Saison bis März oder April aus.

 

CarezzaKomplett auf Kunstschnee zu verzichten, sei nicht möglich, gesteht der 35-Jährige. Als Skigebiet auf der Südseite der Alpen mit weniger Niederschlag und höheren Durchschnittstemperaturen als zum Beispiel in Österreich, habe man generell schon mit Nachteilen zu kämpfen. "Das hieße sonst, den Wintersport ganz aufzugeben - mit allen ökonomischen und sozialen Konsequenzen." Schnee erzeugen bedeutet auch Wasser verbrauchen. Carezza verzichtet darauf, es aus den Bächen und Flüssen der Umgebung abzupumpen. Dadurch wird nicht nur Energie für die Pumpanlagen gespart. Das benötigte Wasser ist Schmelzwasser, das im Frühjahr von den Pisten wieder in den Speichersee fließt und im folgenden Winter wiederverwendet wird. "So greifen wir nur sehr wenig in den ökologischen Wasserkreislauf ein und sparen neben dem Strom auch große Wassermengen."Carezza

 

Dass beim Thema Nachhaltigkeit auch eine wirtschaftliche Komponente besteht, daraus macht Helene Thaler, PR-Managerin von Eggental Tourismus, kein Geheimnis. Rund drei Millionen Gäste besuchten im vergangenen Winter Südtirol, davon ein großer Teil auch das Eggental. Rund 70 Prozent aller Arbeitsplätze in der Region fallen in den Dienstleistungssektor, der Löwenanteil konzentriert sich auf den Fremdenverkehr. Viele fragten sich aber heute auch, ob man überhaupt noch guten Gewissens in den Wintersport fahren könne. "Mit einer international anerkannten Zertifizierung durch das Klimaneutralitätsbündnis 2025 setzen wir uns von anderen Skigebieten ab und sprechen genau diese Menschen an", sagt Thaler. So seien auch alle Veranstaltungen in Carezza "Green Events", also ökologisch nachhaltig organisiert. Damit soll ein Minimum an Müll und ein Maximum an Mülltrennung und Recycling erreicht werden. Um Plastik- und Dosenmüll im Skigebiet zu reduzieren sollen alle Skihüttenbetreiber als Partner ins Boot geholt werden.

 

CarezzaDamit nicht jeder mit dem eigenen PKW über die Dolomitenstraße SS241 anreist, die einzige Straße, die nach Carezza führt, wurden zuletzt die Shuttlebus-Linien aus den umliegenden Ortschaften und dem benachbarten Fassatal ausgebaut. Das ambitionierte Ziel kann aber nicht allein durch Maßnahmen vor Ort, sondern nur im Zusammenspiel mit globalen Kompensationen erreicht werden, erklärt Elisabeth Präauer. Die Expertin des Terra Institute in Brixen berät Carezza Dolomites in Sachen Nachhaltigkeit. "Nicht vermeidbare Emissionen werden durch die finanzielle Unterstützung von Klimaschutzprojekten z. B. in Entwicklungsländern ausgeglichen", so Präauer. Die Projekte werden vom Klimaneutralitätsbündnis 2025 in Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Schweizer Stiftung myclimate ausgesucht. "Letztlich ist uns schon bewusst, dass Wintersport nie hundertprozentig grün sein kann, wir unternehmen aber alles, um dem globalen Klima und der Eggentaler Natur Gutes zu tun", versichert Florian Eisath und hofft, dass eine immer umweltbewusstere Kundschaft Carezzas Weg mitgeht.

 

Weitere Informationen:

Anreise: Von Bozen aus führt die SS241 bis nach Carezza. Alternativ die Buslinie 185 ab Bahnhof Bozen.

Unterkunft:

z.B. Romantik Hotel Post, Karerseestraße 10, I-39056 Welschnofen, Tel. 0039/0471/613113, HP im Doppelzimmer ab 105 Euro p.P., www.romantikhotelpost.com

oder das Hotel Moseralm, Via Bellavista 8, I-39056 Carezza, Tel. 0039/0471/612171, HP im Doppelzimmer ab 135 EUR p.P.

Skipass: Der Tagespass kostet für Erwachsene 48 Euro, ab dem 22. März 43 Euro, Kinder 35 Euro (33 Euro)

Weitere Auskünfte: Tourismusverband Eggental, Tel. 0039/0471/619500,www.eggental.com  

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