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Melbourne

 Melbourne 

eine liebenswerte Metropole und die Schatten ihrer Vergangenheit

 

Die berühmten „Twelve Apostels“ an der Great Ocean

Melbourne, Regierungssitz des australischen Bundesstates Victoria, zählt im Gegensatz zu Sydney nicht zu den spektakulären Städten dieser Welt, die Besucher mit ihrer Kulisse und Vitalität sogleich in den Bann schlagen.

Doch nach einigen Tagen stellt sich in dieser europäischen geprägten, unaufgeregten, aber nicht langweiligen Metropole ein entspanntes Wohlgefühl ein, dass unterhalten wird von einer florierenden, jedermann offenstehenden Kunstszene, stimmungsvollen Musikkneipen, großzügigen Parks, breiten Alleen mit viktorianischen Prachtbauten und last but not least freundlichen Menschen aus aller Herren Länder, die in diesem friedlichen Schmelztiegel der Kulturen zusammen leben. Spuren der Ureinwohner sucht man in dieser konservativ geprägten „Bildungshauptstadt“ allerdings fast vergebens. Erst über die Kunst gelangt man zur Geschichte der Aborigines in dieser Region.

 

Didjeridoo und dann Sibelius – ein nicht alltägliches Sinfoniekonzert

Der 18. Februar endet in einem wunderbaren mild-warmem Sommerabend. Das international gefragte Melbourne  Symphony Orchestra  - kurz „MSO“  - hat zu einem seiner zahlreichen Freiluftkonzerte in die Sydney Myer Music Bowl eingeladen. Eintritt frei- so wie auch in den bedeutendsten Museen dieser Stadt, die den Menschen ganz offensichtlich unabhängig von deren Geldbeutel Kunst und Kultur nahe bringen will. Ganze Familien strömen beladen mit

Queen Victoria  Gardens, Melbourne

Klappstühlen, Kühltaschen und Picknickkörben durch das sommerliche Idyll der Queen Victoria  Gardens diszipliniert der Konzertmuschel entgegen, unter deren Kuppel und der darüber liegenden Wiese ca. 4000 Menschen Platz finden.

Das MSO unter seinem jungen Dirigenten Benjamin Northey  eröffnet den Abend mit der temperamentvollen Komposition „El salon Mexiko“ des Amerikaners Aaron Copland. Neben mir sitzt Chan, ein junger Student aus Shanghai, der in Melbourne im ersten Semester  Betriebswirtschaft studiert. Vor Konzertbeginn hat er mir erzählt, er liebe diese Stadt wegen ihrer fehlenden Hektik, ihren weitläufigen Grünanlagen und des oft blauen Himmels, der in seiner Heimatstadt fast nie zu sehen sei. Als für das zweite Musikstück das Instrumentarium auf der

Sydney Myer Music Bowl

Bühne unter anderem um ein Didjeridoo erweitert wird fragt er mich erstaunt, was das denn für ein Gebilde sei. Meine Antwort, es handele sich um das Blasinstrument der Aborigines, initiiert eine Flut von Fragen seinerseits, deren Beantwortung aber warten muss. Denn „Kalkadungu“ beginnt, die zweite und umfangreichste Darbietung  des Abends und zugleich Titel des gesamten Konzerts.

 

Wut, Trauer und vielleicht Versöhnung

Rhythmische Unisonoklänge der Streicher begleitet von mehreren Trommeln- unverkennbar ein Aufruf zu einer militärischen Auseinandersetzung („Warrior Spirit I“), der nach einem Trillerpfeifensignal abrupt in ruhigen baritonalen Klagegesang übergeht („Songman Entrance“). Und der wird vorgetragen von William Barton, Aborigine vom Stamm der Kalkadungu, Solist des Abends und zusammen mit Matthew Hindson auch Komponist dieses eindrucksvollen programmatisch-historischen Zyklus. Barton tastet sich langsam schreitend und melancholisch

William Barton, Aborigine vom Stamm der Kalkadunga

singend durch die auf der Wiese campierenden Menschen bis zur Bühne vor. Dort angekommen beendet er sein Klagelied mit einem E-Gitarrensolo.

Die Geschichte seines Stammes, die hier musikalisch dargestellt wird ist ebenso traurig wie typisch für den Umgang der einstigen Siedler aus Europa mit der australischen Urbevölkerung: Nach 15 Jahren andauernden Scharmützeln in der Gegend um Mount Isa in Queensland wegen unzulässiger Landnahme und gewaltsamer Missionierungsversuche sammelte sich die dortige Polizei 1884 zu einem Vernichtungsgefecht, bei dem mindestens 200 Stammesangehörige getötet wurden. Der Legende, man habe die bleichen Knochen der Toten noch 50 Jahre später auf dem Meeresgrund erspähen können, widmen Barton und Hindson den dritten Teil ihrer Komposition („Bleached Bones“), ein Trauergesang über den Verlust eines Stammes und dessen ureigener Kultur. Noch einmal kriegerische Klänge („Warrior Spirit II“), diesmal aber im Gegensatz zum Beginn eindeutig nicht europäisch geprägt, sollen sie doch nun die Tapferkeit der Kalkadungu-Krieger zum Ausdruck bringen.

Endlich, in  „Spirit of Kalkadungu“, dem letzten  Teil dieser Programm-Musik, greift William Barton zum  Didjeridoo, um zusammen mit der Bass-Trommel zunächst ein langes Duett zu

William Barton

intonieren, in das schließlich das ganze Orchester einstimmt. Es ist kein freudig-triumphales Finale. Ein solches wäre dem realen Hintergrund des Werkes auch nicht angemessen. Aber doch ein emotional höchst berührender Ausklang.  Aus dem letztlichen Vermischen ur-australischer mit europäischen KlängenWilliam Barton  mag man das hoffnungsvolle Motto heraushören: „Ja, wir müssen unsere Fehler zugeben und einander in Augenhöhe akzeptieren, dann wird auch unserer Zusammenleben im Alltag gelingen“.


Das Publikum und die beiden Protagonisten auf der Bühne sehen das zumindest an diesem Abend so: lange standing ovations und innige Umarmungen des Solisten und des Dirigenten. Sibelius` berühmte zweite Sinfonie im zweiten Teil des Konzerts wird vom MSO perfekt dargeboten,  an diesem besonderen Abend reicht es aber nur zu einem stimmungsvollen Ausklang.

 

Die mühsame Suche nach den historischen Wurzeln 

Mein junger chinesischer Nachbar gesteht mir in der Pause, dass er nun dankbar sei, den Konzerttermin verwechselt zu haben, eigentlich habe er sich für den Abend mit Rachmaninovs sinfonischen Tänzen interessiert, aber der war schon eine Woche zuvor. Er sei aus seiner Studentenszene nach gar nicht so recht herausgekommen, ob er den auch in Melbourne Aborigines und ihrer Kultur begegnen könne. Beim Nachsinnen über eine angemessene Antwort wird mir klar, dass ich in 10 Tagen, die ich bisher in Melbourne verbracht habe, tatsächlich nicht einem einzigen Ureinwohner begegnet bin. Ich erinnere mich an eine Szene vor vier Jahren am Strand von Broome im Nordwesten des Landes, wo ich eine gemischte Klasse aus Weißen und Aborigines beim Surfunterricht beobachtet und fotografiert habe – eine solche Szene scheint in Melbourne undenkbar. Denn nirgends auf diesem Kontinent wurden die Ureinwohner  so konsequent gegen Kopfgeld gejagt und ausgerottet wie in der Region Melbourne und der vorgelagerten Insel Tasmanien.

„Indigeneous Art“ im „Ian Potter Centre“

Doch immerhin kann ich Chan zwei Tipps geben, wie er sich in der Stadt auf historische Spurensuche begeben kann: Da wäre zum einen die weitläufige  Ausstellung „Indigeneous Art“ „Scar Project“ im Enterprize Park in Melbourne.im „Ian Potter Centre“, die dem Besucher intensiv Lebensweise und Traumpfad-Mythologie der Aborigenes näher bringt, zum anderen das „Scar Project“ im Enterprize Park an der Waterfront des Yarra River. Im Schatten der Bahnlinie und gläserner Wolkenkratzer stehen dort Baumstämme, in die Zeichen der einst hier lebenden Stämme geschnitzt sind, die früher den jeweiligen Dorfbereich mit diesen abgrenzten.  

 

Elite, Sport und Lebensfreude

Meine Frau und unsere Tochter Britta haben es vorgezogen, den sonnigen Tag am Strand ausklingen zu lassen. Wir treffen uns nach dem Konzert, schlendern ein wenig am South Yarra River entlang, bevor wir uns  am Ufer in einer der Kneipen mit selbstgebrauten Bier und Live-Musik niederlassen. Britta unterrichtet für drei Monate Deutsch als teaching assistant in der „Firbank Grammar School“, einer Mädchenschule. Was sie uns erzählt, passt sehr gut zum Bild von Melbourne als Heimat zahlreicher Eliteschulen nach englischem Vorbild mit teils langen Wartelisten: Uniformierte Schülerinnen, dunkle Kleidung sei beim Lehrpersonal erwünscht, nein, offene Sandalen seien nicht angebracht, Schulgebühr 10.000 Dollar pro Jahr exklusiv „Firbank Grammar School“Lehrmittel, zu denen in diesem Jahr für jedes Mädchen ein i-pad gehöre. Klingt spießig und nach einem echten Kontrastprogramm zu „ihrer“ Schule in Köln mit vielen Migrantenkinder. Doch Britta genießt ihre gestalterische Freiheit bei der Unterrichtsplanung und die Aufmerksamkeit und offenherzige Dankbarkeit ihrer Schülerinnen. An diesem Tag habe sie aktuelle deutschsprachige Popmusik vorgestellt und exemplarisch Tim Bendzkos „Wenn Worte meine Sprache wären“ besprochen. Gegen Ende des Unterrichts habe eine begeisterte Schülerin sich mit den Worten an sie gewandt: „Wenn Sie das noch einmal spielen, werden wir sie lieben“.

Und auch diese Eliteschule hat umfangreich Sport im Lehrplan wie z. B. Surfen oder Rudern. Überhaupt Sport! Die Melbourner scheinen förmlich sportbesessen zu sein: Jogger allerorten, entlang des Yarra River liegen die Ruderclubs der einzelnen Schulen aufgereiht wie auf einer Perlenkette, als wir eines Tages die  Waterfront entlang wandern, hören wir laute Kommandos

Spinning

aus einem ehemaligen Lagergebäude. Eine Gruppe Banker hat die dunklen Anzüge für die Mittagspause gegen Trainingskleidung getauscht und verbrennt Kalorien beim Spinning. Nachmittags am Strand von St. Kilda ein paar Tage später ein ähnliches Bild: After work ist kite

 kite surfing

surfing angesagt. Mann und Frau schälen sich aus ihrer Business-Kleidung und zwängen sich in einen Neoprenanzug und gegen 17 Uhr hängt der Himmel voller farbiger Drachen.

 

Natur pur und europäische Geschichte

Das ist eben ein wunderbares Phänomen dieser multikulturellen Stadt der Bildungs- und Business-Elite: Die allgegenwärtige Nähe zur Natur gewährleistet Entspannung und ist Balsam für die vom Alltag gestresste Seele. Auch wir als Touristen genießen es, uns nach Erkundung all der urbanen Highlights wie  z. B. Museen, Galerien oder viktorianisch geprägten historischen

Viktorianisch geprägte historische Einkaufspassage

Einkaufspassagen immer mal wieder entweder in den  Gärten der City oder an einem der nahen Strände entspannen zu können. Uns zieht es häufigsten zum Brighton Beach mit seinen bunten Strandhäusern die seit Jahren in Familienbesitz sind. Während von dort der Blick in der Ferne immer wieder an der Wolkenkratzer-Silhouette der Stadt haften bleibt, lässt sich ganz in der Nähe eine Kolonie wilder schwarzer Schwäne beobachten. 

Die Brighton Beach mit ihren bunten Strandhäusern

Und unvermittelt begegnen wir hier europäischer Geschichte: Wir lehnen zur mittäglichen Siesta gedankenverloren im Schatten eines blau-weiß gestrichenen Strandhauses, das wir uns schon öfter als Strandquartier ausgesucht haben. Für eine Weile gesellt sich ein freundlicher Herr zu uns, der sich als Yannis vorstellt und schon nach kurzer Zeit wird uns die Farbgebung „unseres“ Strandhauses klar. Denn Yannis ist Grieche, dessen Besitzer, und seine Vorfahren gehören zu jenen, die die dodekanischen Inseln zur Zeit der italienischen Besatzung u. a. Richtung Melbourne verließen wo heute die meisten Griechen außerhalb Athens leben.

Yannis gibt uns viele Tipps für Unternehmungen in unserer noch verbleibenden Zeit, u. a. den Rat, unbedingt einen Tag an der „Great Ocean Road“ zu verbringen. Die wurde nach dem ersten Weltkrieg von zurückgekehrten, ausgebrannten australischen Soldaten mühsam aus den Felsen gehauen, die schlicht den dringenden Wunsch hegten, nach all ihren schrecklichen Erlebnissen einmal wieder etwas Sinnvolles zu tun. Also schnappen wir uns unserer Tochter an ihrem unterrichtsfreien Tag und starten frühmorgens mit einer kleinen internationalen  Reisegruppe zu einer Tour voller Höhepunkte. Atemberaubend sind schon während der Fahrt die immer wieder neuen, spektakulären Ausblicke während der auf wellenumtoste Felsküsten, die immer wieder von langen Sandstränden unterbrochen werden. Anrührend sind unsere Begegnungen mit wilden

Tiere in Australien

Papageien und Koalas im Otway Nationalpark und last but not least die hinter Princetown beginnende Steilküste des Port Campbell National Parks. Dort bearbeitet die kräftige Brandung unaufhörlich die weichen Kalksteinklippen und hat im Laufe der Jahre Grotten,  Schluchten, Bögen und andere bizarre Felsformationen geschaffen. Wie Felsnadeln steigenden die berühmten „Twelve Apostels“ aus dem Meer – von denen es kurioserweise immer nur 11 gab.

Die berühmten „Twelve Apostels“ an der Great Ocean

Dieser von Eindrücken übervolle Tag gönnt uns nur wenige Ruhemomente, z. B. im beschaulichen alte Örtchen Lorne, das an einer weitgeschwungenen Bucht liegt. Doch diese genügen uns, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die „Great Ocean Road“ mit ihren ruhigen Orten, tollen Stränden und vielen imposanten Wanderwegen irgendwann Ziel einer weiteren Australienreise sein wird…

 

Uwe Junker

 

 

Reise-Tipps

Reiseführer:

Australien -  der Osten: Reisehandbuch mit vielen praktischen Tipps [Broschiert], Michael Müller Verlag,

Lonely Planet Reiseführer Australien Ostküste [Broschiert]

Reiseveranstalter:

Westtours Reisen GmbH, Adenauerallee 78, 53113 Bonn, Telefon:  0228 -9153130,  www.westtours.de , sehr erfahrener Spezialveranstalter, attraktive Angebote für Gruppen- und maßgeschneiderte Individualreisen nach Wunsch.

 

 

 

 

 

 

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