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Remscheid im Winter

Remscheid

immer auf der Höh

 Remscheid, Rathaus

WDR 2 - Chefreporter Horst Kläuser unterbricht seine Sendung „Weltzeit“ für den Verkehrsfunk. A1 Köln Richtung Dortmund drei Kilometer Stau zwischen den Anschlussstellen Schloss Burg/Wermelskirchen und Remscheid.

 Kurz hinter Burscheid wird das Schneetreiben stärker. Ich komme aus Köln und bin auf dem Weg nach Remscheid – hier lebe ich. Der Scheibenwischer hat Mühe, die dicht fallenden Flocken zu beseitigen. Um dem Stau zu entgehen, nehme ich die besagte Abfahrt Wermelskirchen und fahre in Richtung Schloss Burg von der Autobahn ab. Und während ich den geschliffenen Worten des in meiner Heimatstadt lebenden Horst Kläuser, früherer ARD-Washington- und Moskau-Korrespondent lausche, erreiche ich ohne Schwierigkeiten die Ortseinfahrt Solingen, den Ortsteil Schloss Burg, einem beliebten touristischen Ausflugsziel von Nah und Fern vor meiner „Remscheider Haustür“.

Es ist später Nachmittag, das Schneetreiben hat aufgehört. Ich muss mich beeilen, bin ich doch mit Henning Röser, Politikredakteur der heimischen „Bergischen Morgenpost“,  zu einem kleinen Spaziergang in der Nähe der Müngstener Brücke verabredet. Verbindet diese Müngstener Brückebereits weit über 100 Jahre alte Eisenbahnbrücke hier mitten im Bergischen Land mein geliebtes Remscheid mit der Klingenstadt Solingen. Und 107 Meter tiefer unter diesen schwindelerregend hohen Schienen fließt die Wupper durch ein zerklüftetes Tal. Und genau unter diesem Viadukt haben vor Jahren die hiesigen cleveren Tourismusexperten den neu geschaffenen Tourismusmagneten „Brückenpark Müngsten“ aus der Taufe gehoben. Clou dabei ist eine handbetriebene Schwebefähre, mit der Touristen heute den Fluss mit eigener Muskelkraft überqueren können. Früher hätte niemand freiwillig diese stinkende Brühe überqueren wollen, als sie aus dem benachbarten Wuppertal kam. Aber das ist lange her, dass die dort ansässigen Färber und eine große Chemie-Firma ihre stinkende Kloake eingeleitet haben. Heute ist die Wupper glasklar.

Jetzt, hier weit oberhalb der Wupper scheint es ganz so an diesem späten Winternachmittag, als seien wir beide ganz weit weg vom Rest der Welt. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen auf diesem Höhen-Waldweg. Und wie wir dann an einem wunderschönen Aussichtpunkt mit Blick auf Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke stehen bleiben, da schüttelt Henning den Kopf und kann nicht begreifen, dass man dieses geniale, einzigartige  Bauwerk so verkommen ließ.

„Die Müngstener Brücke war so marode, weil in den letzten 50 Jahren nicht sonderlich viel daran gemacht wurde“, ereifert sich Henning. „Jetzt aber wird sie saniert – und gibt den Reisenden auch in Zukunft atemberaubende Perspektiven frei“. Dabei stellt er die Einzigartigkeit dieser historischen Stahlkonstruktion heraus und sagt,  „dass sie als allererste im sogenannten freien Vorbau gebaut wurde. Das bedeutet, dass die beiden Bogenhälften ohne weitere Gerüste bis zum Bogenschluss fertiggestellt wurden und gewissermaßen selbst die Funktion eines Krans für die weitere Montage hatten. Ein Wagnis, das seinerzeit gelang. Brücken wie der vom französischen Ingenieur Gustave Eiffel geplante Garabit-Viadukt in der Auvergne und die Ponte Maria Pia in der Nähe von Porto in Portugal wurden am Ende des 19. Jahrhunderts dagegen nach dem alten römischen Prinzip von unten nach oben gefertigt.“

Heute könnte das prächtige Bauwerk mit ähnlichen Konstruktionen auf die Liste der Kandidaten für ein UNESCO-Weltkurerbe aufgenommen werden, nach dem es als „Einzelexemplar“ scheinbar keine Chance hatte. Und so pendeln nach der Renovierung ab dem kommenden Sommer weiterhin 5.000 Fahrgäste täglich über dieses kühne Bauwerk, während unten der Brückenpark boomt. An sonnigen Wochenenden strömen bis zu 8.000 Besucher täglich und 350.000 jährlich unter die Brücke. Nur die wenigsten von ihnen spazieren an der romantischen Wupper entlang nach Schloss Burg. Und wohl niemanden zieht es an einem solch schönen Wintertag hier hinauf.

Remscheid, Rathaus,Weihnachtsmarkt„Remscheid immer auf der Höhe“, der einstige Slogan der Stadtwerber der kleinsten Großstadt neben Wuppertal und Solingen im Bergischen Land,  ist auch topografisch richtig. Mit stolzen 379 Metern über Normalnull ist es die höchste Erhebung des Regierungsbezirkes Düsseldorf.

Und auf dieser höchsten Erhebung, dem „Brodtberg“ im waldreichen Stadtteil Hohenhagen, spaziere ich einige Tage später. Während die Kristalle des Pulverschnees in der Mittagssonne funkeln und der feine Schnee unter meinen Schuhen leise knirscht, hatte er sich zwischenzeitlich mal kurz verabschiedet, um jetzt mit Kälte und Macht zurück zu kommen. So ist das halt hier bei uns im Bergischen Land, der ersten Erhebung östlich der Rheinischen Tiefebene. Da bleibt er uns nicht durchgängig von November bis April erhalten.

Acht Grad Minus zeigte heute Morgen mein Thermometer, als ich mir diese Wanderung mit Umwegen zum Deutschen Röntgenmuseum im Ortsteil Lennep vorgenommen hatte. Und jetzt, hier im Schatten der tief verschneiten Bäume, kommt es mir noch eisiger vor. „Deutsches Sibirien“ soll Konrad Adenauer einmal über unser schönes Bergisches Land geäußert haben. Remscheid, HohenhagenIch meine, hier hat der „Alte“ doch etwas zu stark aufgetragen. Die Kinder jedenfalls lassen sich durch den Frost nicht davon abhalten, mit ihren Schlitten und Skiern den wunderbaren Wintertag auszukosten. Nur leider ist derzeit der sonst an diesen Wintertagen gut genutzte Skilift außer Betrieb. Vermutlich liegt es daran, dass Remscheid als Skiort keiner besonderen Erwähnung wert ist. Keine Glühweinstände, kein Après-Ski-Vergnügen, nichts, nur der pulvrig weiße Schnee.

Unendliche Abgeschiedenheit vermittelt mir die absolute Stille nur einen Steinwurf weit von den winterlichen Kinderfreuden entfernt. Ich steige steil bergab und wieder bergauf. Habe in der Zwischenzeit meine wärmenden Handschuhe ausgezogen, die dicke Pudelmütze vom Kopf genommen und meinen Anorak weit geöffnet, als ich bergauf gehend im Stadtteil Remscheid, BlumeLüttringhausen in der „Blume“ angelangt bin. Hier, in diesem wunderschönen kleinen Naherholungsgebiet war ein Industrie- und Gewerbegebiet in Planung. Auch war kurzzeitig ein Designer-Outlet-Center der britischen Handelskette McArthur Glen im Gespräch, das aber jetzt in der wunderschönen Altstadt von Lennep größere Erfolgschancen zur Realisierung hat.

Ich muss mich sputen. Habe ich doch zu lange den sportlichen Kindern mit ihrem Ski- und Rodelvergnügen zugeschaut und dabei die Uhr aus den Augen verloren. Und so nutze ich statt der verschneiten Waldwege die schneegeräumten Bürgersteige hinüber in die Lenneper Altstadt, wo ich Ulrich Hennig, den Direktor des Deutschen Röntgen-Museums, treffe.

„Es gibt nur wenige Dinge, die weltweit fast jedes Kind kennt“, strahlt er bei unserer Begrüßung. „Dazu gehören neben der Schokolade das Stethoskop beziehungsweise die Spritze und natürlich die Röntgenstrahlen“.

Remscheid, Deutsches RöntgenmuseumWie wir dann unseren Rundgang in  einer äußerst lebendigen Zeitreise durch die Geschichte der geheimnisvollen Röntgenstrahlen starten, da erwähnt der langjährige Museumsleiter mit Stolz die braunen Hinweistafeln auf der Autobahn A1, die auf diese bedeutenden  Sehenswürdigkeiten mit dem Eintrag „Deutsches Röntgen-Museum“ hinweisen.

War es doch einst ein Mann namens „Wilhelm Conrad Röntgen“, Sohn eines bergischen Kaufmannes und Textilhändlers, der mit der „Deutschen Hanse“ Geschäfte machte,  der hier im heutigen Remscheider Stadtteil Lennep 1845 geboren wurde. Er entdeckte 1895 die nach ihm benannten  geheimnisvollen Strahlen, die fast alles durchdringen können. Im Jahre 1901 erhielt er dafür den Nobelpreis – es war auch der erste im Fach Physik.

Deutsches RöntgenmuseumModernste Animationen und Darstellungen in diesem von der Wissenschaft viel beachteten Haus fesseln mich. Auch erhalte ich als Besucher durch „Anfassen“ Informationen über Röntgens Person und viele Anwendungsgebiete der Röntgenstrahlen. Wie zum Beispiel bei der technischen Anwendung zur Kontrolle korrekter Produktionen von Werkstücken in der Industrie, die neben den allseits bekannten medizinischen Anwendungen keinen so großen Bekanntheitsgrad haben. „Damit die Röntgentechnik sicher angewendet werden kann, bieten wir hier im Museum auch Strahlenschutzkurse an “, weist der Strahlenschutzexperte mit Blick auf seine modern eingerichteten Räumlichkeiten hin.

Mit der seit 1951 jährlich verliehenen „Röntgen-Plakette“ hält die Stadt Remscheid das Andenken an ihren großen Sohn aufrecht. Mit diesem Wissenschaftspreis werden Personen ausgezeichnet, die sich rund um das Thema Röntgenstrahlen verdient gemacht haben.

Auf dem Rückweg im Autobus zur Innenstadt von Remscheid denke ich lange an die ägyptische Mumie und die Bilder, die mit einem Computertomograph aus ihrem Inneren entstanden sind.

Remscheid, NordstraßeVom Busbahnhof am Ebertplatz geht es zu Fuß ein kurzes Stück bergab, wobei mich mein Weg wie fast täglich an einem einfachen Schieferhaus vorbei führt. Hier, in diesem kleinen Hans BertamBergischen Haus hat ein Jugendfreund meines verstorbenen Vaters gewohnt. Hans Bertram, ein Flieger, der 1932 weltweit von sich Reden gemacht hat. Einer seiner Höllenflüge über die  Weltmeere endete mit einer Notlandung seines Wasserflugzeuges in den australischen Kimberleys. Drei Wochen später – man hatte nichts mehr von ihm und seinem Copiloten  gehört – werden beide offiziell für tot erklärt. 53 Tage später dann das Wunder: Eingeborene finden beide, der Copilot ist zu diesem Zeitpunkt bereits verwirrt. Sie haben unmenschliche Strapazen in der Sumpflandschaft mit Krokodilen und ohne Wasser und Essen hinter sich.

Hans Bertram heiratet in den 1940er Jahren die Schauspielerin Gisela Uhlen, die Ehe hält jedoch nicht lange. 1934 arbeitet er für den damaligen chinesischen Präsidenten Chiang Kai-shek und eröffnet 1972 den Regionalluftverkehr von Hof und wenig später von Bayreuth nach Frankfurt. Er schreibt über seine Erlebnisse das Buch „Flug in die Hölle“ und sein abenteuerliches Leben wird verfilmt. Und jetzt, hier in seiner Heimatstadt Remscheid, hier in seiner Straße, kennt ihn kaum noch jemand. Nicht mal ein kleines Schild an seinem Geburtshaus erinnert an ihn. Aber seit einiger Zeit trägt zumindest eine Straße in einem Neubaugebiet am Hohenhagen seinen Namen.

Eigentlich ist Erinnerung hier in der Werkzeugstadt Remscheid ein großes Thema. Denn neben dem „Deutschen Röntgenmuseum“ ist hier auch das „Deutsche Werkzeugmuseum“ auf dem Grundstück des Remscheider Heimatmuseums angesiedelt. Und dort hin mache ich mich heute auf den Weg. Wieder zu Fuß, denn der Schnee hat es überschwänglich gut gemeint. So finden Autobesitzer nicht mal auf Anhieb ihren Wagen. Remscheid

Nach einem wunderbaren Spaziergang komme ich dann auch nach einer guten halben Stunde Fußweg mit roten Wangen im „Deutschen Werkzeugmuseum“ im Ortsteil Hasten an.

Hier werde ich vom Museumsleiter Dr. Urs Diederichs und seinem Mitarbeiter Ulrich Horz empfangen. Beide amüsieren sich darüber, dass ich ohne Regenschirm ziemlich eingeschneit bei ihnen ankomme. Schließlich braucht man den ziemlich oft hier, meinen sie.

Deutsches Werkzeugmuseum und Heimatmuseum in Remscheid„Wen das ärgert,“ meint Urs, „sollte wissen, dass es die Stadt ohne den vielen Regen vielleicht gar nicht geben würde. Denn er war einst eine der Grundlagen für das Kleineisengewerbe, aus dem sich die, das Leben der Stadt bis heute prägende Werkzeugindustrie, entwickelte. Bäche mit starkem Gefälle“, so fährt er fort, „lieferten die Antriebsenergie für die Wasserräder der Hammerwerke und Schleifanlagen in den Tälern. Produziert wurden dort und in den vielen Kleinschmieden neben Werkzeug auch eine Vielzahl anderer Dinge wie Schlittschuhe, Bügeleisen, Kaffeemühlen, Pfannen und vieles mehr. Auch ausgezeichneter Stahl als Ausgangsmaterial wurde lange Zeit hier in unserer Stadt erzeugt.“ „Hier“, so ergänzt Ulrich gestenreich,  „finden  Besucher Antworten auf fast alles, was sie schon immer über Werkzeug in Geschichte und Gegenwart wissen wollten.“ Deutsches WerkzeugmuseumWie ich dann in diesem gut strukturierten Haus vor einem seltenen Exemplar stehe, da erfahre ich, dass dieses Monstrum mit Elektrizität aus Rohstahl oder Schrott hochwertigen Werkzeugstahl erzeugen kann. Und das mittels Lichtbogen im Elektrostahlofen bei rund 4.500 Grad – eine wirklich heiße Sache, die in Remscheid vom Unternehmer Richard Lindenberg hier im Ortsteil Hasten erfunden wurde. 1906 erzeugte er erstmals Stahl von zuvor unerreichter Qualität.

  „Und dass die nahtlosen Röhren hier in Remscheid von den Gebrüdern Mannesmann erfunden wurden“, schwärmt  Ulrich Horz, als ich mich verabschiede, „das weiß heute auch noch kaum jemand.“

  Wie gerne hätte ich noch einen Spaziergang um unsere Remscheider Talsperre, die erste Trinkwassertalsperre Deutschlands, gemacht. Aber den hebe ich mir für sonnigere Tage auf. Ich fahre mit dem Bus in die Stadt, erledige noch kurz ein paar Dinge in der Alleestraße, unserer Remscheid, Alleestraße"Einkaufsmeile" und freue mich dann auf einen leckeren Cappuccino in meinem gemütlich warmen Zuhause.

  Gerd Krauskopf

 

 Weitere Infos:

 Deutsches Röntgen-Museum

 Schwelmer Str. 41

 42897 Remscheid

 Tel.: 02191 / 16 3384                    

 www.roentgenmuseum.de

 Geöffnet: dienstags bis freitags 10 bis 18 Uhr; samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr

 Audioguides – auch mit Gebärtensprache   ausleihbar 

 Führungen nach Anmeldung – sonntags 15 Uhr für jeden

 

  Deutsches Werkzeugmuseum

  Cleffstr. 2 – 6

  42855 Remscheid-Hasten

Tel.: 02191 / 16 2519

  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

  www.werkzeugmuseum.org und unter www.remscheid.de

  Geöffnet: dienstags bis freitags 9.00 bis 13.00 Uhr + 14.00 bis 17.00 Uhr, 

  samstags und sonntags 11.00 bis 16.00 Uhr 

  Eintritt: 2,00 € (erm.: 1,00 €, Kinder bis 14 J. frei), Gruppenführungen nach Vereinbarung

  Multimedia-Führungsgeräte (deutsch/englisch) kostenlos verfügbar, 

  Für private Feiern oder Firmenveranstaltungen in stilvoller Umgebung können Halle und   Seminarraum des Museums angemietet werden.  

    

 

 

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