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Burgenstraße

Quer durch Süddeutschland: So schön ist die Burgenstraße 

  

Deutsche Burgenstraße 

Deutschland kann ganz schön überraschend sein – mit kopfstehenden Bäumen, Frauen, die ihre Männer tragen, einer Türmerin ohne Turm und einem fast alpinen Neckarsteig 

 

Von Gerd Krauskopf 

 

Diese kleine versteckte Welt ist meilenweit weg vom Geräuschpegel lärmender Großstädte. Wir sitzen auf einem Steg an einem Teich im Hofgarten von Schloss Öhringen. Lassen die Füße im Wasser baumeln, in dem die Bäume auf dem Kopf stehen. Große Mengen ihres Laubes haben sie ja bereits in diesem heißen Sommer abgeworfen. Wir staunen über die funkelnden Spinnweben inmitten eines Blumenmeeres. Barfuß mit noch nassen Füßen schlendern wir hinüber zur Orangerie und freuen uns auf Kaffee und Kuchen. Am liebsten Apfelkuchen mit Sahne, den wir dort auch bekommen.

 

Wir sind mit dem Auto auf der Burgenstraße unterwegs, die quer durch Süddeutschland von Mannheim bis nach Bayreuth führt. Hier zeigt die Ferienstraße mit 70 Burgen und Schlössern ihr Bilderbuchgesicht. Entschieden haben wir uns für eine Woche und werden diese Reiseroute von Öhringen bis Schwetzingen abfahren.

Deutsche BurgenstraßeNach Kaffee und leckerem Kuchen schlendern wir durch den Hofgarten auf den Spuren des Grafen Johann Friedrich II. von Hohenlohe-Neuenstein, der ihn Anfang des 18. Jahrhunderts angelegt hatte. Eingerahmt von Stiftskirche, Schloss und Fachwerk-Ensemble des Marktplatzes steuern wir auf die nahe Fußgängerzone zu. Das fränkisch geprägte Städtchen in Baden-Württemberg erfreut mit hübschen kleinen Geschäften und Straßencafés und endet an einem alten, mächtigen Tor. Irgendwann sitzen wir auf einer Bank, blinzeln in die Abendsonne, riechen den nahenden Herbst und freuen uns, wie wunderschön dieses Land mit seinen unentdeckten Ecken sein kann.

Deutsche BurgenstraßeAm nächsten Tag rollen wir über sanfte Hügel unter blauem Himmel Richtung Weinsberg. Dort haben im Mittelalter die Burgfrauen ihre Männer getragen. „Aus Liebe“, sagt Burgführerin Margarete Drautz und erklärt: „Als 1140 die Truppen von König Konrad III. die Festung eroberten, gewährten die Eroberer den Frauen freies Geleit, während die männlichen Verteidiger der Burg hingerichtet werden sollten. Mitnehmen konnten die Weinsbergerinnen genauso viel, wie sie mit ihren Händen tragen konnten. Und so schleppten die tapferen Frauen ihre Liebsten auf dem Rücken aus der Reichsburg den Berg hinunter.“ Deutsche BurgenstraßeDarum bekam das imposante Gemäuer, das zu den ältesten Hochadelsburgen in Deutschland zählt, im 18. Jahrhundert den Namen „Weibertreu“. Heute spazieren wir vorbei an Weinreben hinauf zu den Resten der Burg, die im Bauernkrieg 1525 zu großen Teilen zerstört worden ist und erfreuen uns erst einmal an der schönen Aussicht. Dann führt uns unsere Burgführerin ins Innere des Dicken Turms, wo die Namen von prominenten Besuchern – wie zum Beispiel Königin Olga von Württemberg und Kaiser Franz I. – im sogenannten Steinernen Album verewigt sind. Und in der Kapelle zeigt Margarete Drautz dann noch eine große Steinkugel – gut dreißig Zentimeter im Durchmesser –, die bei Ausgrabungen gefunden wurde. „Mit solchen Kugeln”, sagt die engagierte Führerin in ihrer mittelalterlichen Tracht, „wurde die Burg vom gegenüberliegenden Berg beschossen und zerstört.“ 

Deutsche BurgenstraßeBad Wimpfen mit seiner mittelalterlichen Stauferpfalz hoch über dem Neckar, nur zwanzig Kilometer weiter entlang der Burgenstraße, ist auch so ein Ort, der das Herz berührt. Hier, in Deutsche Burgenstraßeder späteren Reichsstadt, wurde Hof gehalten und Recht gesprochen. Und inmitten des Burgviertels mit hübschen Fachwerkhäusern überragt der 58 Meter hohe „Blaue Turm“ den kleinen Kurort. Als westlicher Bergfried wurde er errichtet und diente bis ins frühe 20. Jahrhundert als Wachturm. Leider hat man vor zwei Jahren Risse im Mauerwerk entdeckt. Daher ist das 800 Jahre alte Bauwerk zurzeit eingerüstet und wird saniert. „Sieben Millionen Euro sollen die Arbeiten kosten“, erzählt Blanca Knodel, Deutschlands erste Türmerin. Türmer mussten in früheren Zeiten nach Feinden und Feuer Ausschau halten. „Heute“, so sagt die Türmerin, die bis vor kurzer Zeit noch in 53 Metern Höhe mit 167 Treppenstufen gewohnt hat, „habe ich nur noch die Aufsicht über den Turm und gebe interessierten Besuchern Auskunft.“ Dabei ist sie erst 1996 mit ihren zwei Töchtern in die 53 Quadratmeter große Turmwohnung eingezogen. 

 

Auf dem Weg zur Vierburgenstadt Neckarsteinach im Neckartal empfiehlt sich ein Zwischenstopp auf Burg Guttenberg in Haßmersheim-Neckarmühlbach, der früheren Burg der Staufer. Dort, im Unteren Neckartal, residiert die Familie der Freiherren von Gemmingen-Deutsche BurgenstraßeGuttenberg in der siebzehnten Generation im mittelalterlichen Anwesen, das nie zerstört worden ist. Seit 1970 ist die Deutsche Greifenwarte hier untergebracht und Besucher aus aller Welt bestaunen die Flugvorführungen frei fliegender Adler, Geier und Eulen. 

 

Wäre im ehemaligen Burgweiler Neckarsteinach nicht der Autoverkehr auf der schmalen Talstraße inmitten von Fachwerkhäusern so dominant, könnte man meinen, einer der vier Burgherren käme zur Rechten auf einem Schimmel den Berg herunter geritten. Dabei liegen Deutsche Burgenstraßedie vier alten Gemäuer – die Vorderburg, Mittelburg, Hinterburg und Schadeck, genannt Schwalbennest – so dicht zusammen, dass man sich in früheren Zeiten die neuesten Nachrichten bestimmt zurufen konnte.

 

Zur Linken auf der schmalen Straße in Neckarsteinach fließt ruhig der Neckar, auf dem moderne Ausflugsschiffe dank der Staustufen verkehren. Ein solches Schiff, die MS Königin Silvia, besteigen wir am nächsten Tag. Es geht hin und zurück nach Heidelberg mit

Deutsche Burgenstraße Zwischenstopps bei Kloster Neuburg und Neckargemünd bei einer reinen Fahrzeit von rund drei Stunden. Dort lernen wir Martina und Marco kennen, die auf dem Sonnendeck bei Apfelschorle und alkoholfreiem Weizenbier zu „ihrem Berg“, den Neckarsteig, hinaufschauen. Den vor gut acht Jahren neu angelegten und vom Deutschen Wanderverband zertifizierten – fast alpinen – Steig von Heidelberg bis nach Bad Wimpfen haben sie im vergangenen Jahr Deutsche Burgenstraßegemeistert. In acht Etappen bewältigten sie dabei gute 3200 Höhenmeter bergauf- und bergab. „Das ist mehr als einmal die Zugspitze hinauf zu kraxeln“, schwärmt Martina mit leuchtenden Augen. 

 

Wir sind überrascht, wie schnell eine Woche vorbei sein kann. So sind wir am letzten Tag an unserem Ziel Schwetzingen, zehn Kilometer westlich von Heidelberg, angelangt. Hinter dem Deutsche BurgenstraßeSchloss, der ehemaligen Sommerresidenz der pfälzischen Kurfürsten, genießen wir die letzten Stunden. Wir lassen uns Zeit für den riesigen Schlossgarten, in dem in früheren Zeiten auch gejagt wurde. Weit hinten im Schlossgarten etwas versteckt überrascht uns eine riesige Moschee, die sich im glatten Wasser eines Teiches spiegelt. Die „Rote Moschee“ – wie sie genannt wird, hatte nicht die Funktion eines islamischen Gotteshauses, sondern Deutsche Burgenstraßesollte Ende des 18. Jahrhunderts der Toleranz gegenüber allen Religionen und Kulturen der Welt Ausdruck verleihen. Zurück am Zirkelbau des Schlosses, der als Konzertsaal der Schwetzinger Festspiele genutzt wird, beschließt dann im dortigen Café ein gut gekühltes Glas Prosecco das Finale unserer überraschenden Reise auf der Burgenstraße.

  

Weitere Informationen: 

 

Die Burgenstraße e.V., Allee 12, 74072 Heilbronn, Tel. 07131/9735010, www.burgenstrasse.de

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